Ende meiner Solidarität
...und plötzlich ist man unsichtbar
THOMAS ELIAS·FREITAG, 24. AUGUST 2018
Ich war gerade auf einer Veranstaltung zum CSD.
Speakers Corner, es werden Texte zum Thema: “Meine Liebe ist Dein Tabu” zum besten gegeben.
Ich mag Texte. Endlich mal ein Treffen von der Community ohne laute Musik und betrunkene Menschen, dachte ich. Selbstgeschriebene Texte, von den AutorInnen selber vorgetragen, das kann interessant werden. War es auch - aber ganz anders, als ich dachte:
Noch nie habe ich mich unter so vielen Menschen so einsam gefühlt. Ich, knapp 60, - bei WEITEM, der älteste. Der Rest so zwischen 16 - 30. Frauenquote 70%. MigrantInnen, Menschen mit Behinderung, Menschen über 50 Jahre, keine halbe Handvoll.
Die vorgetragenen Texte künden, teilweise leidenschaftlich, von der Klage über das Unverständnis von “denen” über die eigene Rolle, die Wut, sich ständig erklären, definieren zu müssen, in Muster und Schubladen gepresst zu werden, wobei man/frau/es doch soo individuell und anders ist, es sein muss und möchte.
Texte, die leidenschaftlich davon künden, Mensch zu sein und Menschen zu lieben, nicht Geschlecht, Geschlechter, Schlechter, Schlächter - ich bin ich und will ich sein und Liebe und so und bedingungslos und - vor allem “Die” und/oder “Sie”!
“Die” “Sie” sind die bösen, das Böse. “Die” “Sie”wollen nicht, dass du bist, wie du bist - aber - Du nimmst, du erkämpfst Dir das Recht - und das ist gut so....
Texte also über ich (wir) und “Die” - aber hauptsächlich über “ICH”. Etwas auch über wir, aber “wir” ist nur bis 30, maximal 35 und ein paar verirrte Schwule, die mit 45 auch noch 30 Jahre jung sind.
Ich gehöre nicht mehr dazu. Ich kenne niemanden, ich verstehe die Texte nicht, niemand schaut mich an, niemand nimmt Notiz von mir, bis auf den Veranstalter, der mich kurz vorher zufällig fragte, ob ich kommen würde.
Du hättest doch etwas schreiben können, wurde mir gesagt. Nein, hätte ich nicht, sage ich. Ich habe nichts von der Veranstaltung gewusst. Niemand hat mir etwas dazu gesagt. Ich weiß auch nicht, ob ich etwas geschrieben hätte, aber wenn, dann vielleicht das:
Der Anfang
Als ich bemerkte, anders zu sein, gab es zunächst noch kein Wort dafür. Es reichte das Gespür, anders zu sein. In der Schule schnappt man dann auf: Arschficker, Schwuli, Schwuchtel, Tunte, Kinderficker, - Begriffe, die man dann verfolgt, innerlich, heimlich, wie ein analoger “Google-Alert”. Später dann, mit 15 ist es klar: Ich bin schwul. Wie kann ich andere Schwule treffen? - Das war damals eine echte Herausforderung.
Es gibt kein Internet, es gibt auch niemanden, den man sich zu fragen traut, auch wenn die eigene Mutter schon Andeutungen dazu machte und Angebote, darüber zu sprechen. Nein, mit der Mutter möchte man mit 15 nicht darüber reden. In der Schule, in der Clique hört man etwas von Bürgerpark, Klos und Parkplätzen. dort geht man hin, um Schwule zu klatschen. Das macht Spaß, denn die wehren sich nicht, die Tunten.
Ich hörte irgendwo vom Bienenkorb. Das soll eine Schwulenbar in Bremen sein. Am Sielwall- Eck. Ich gehe hin. An einem Dienstag. Um 20.00 Uhr. Ich klingele an der Tür. Vor mir eine verspiegelte Scheibe. Alle Gäste können mich sehen. Es ist zum Wegrennen zu spät. Der wohl hässlichste Mensch aus ganz Norddeutschland öffnet die Tür. Sein Finger krümmt sich und deutet mir, einzutreten. Der einzahnige Mund haucht: “Herein”. Fettige Haare stehen fast senkrecht vom Kopf ab. Es war der Wirt.
Am Tresen sitzen drei unglaublich dicke Männer. Total zugesoffen. An der Musik-Box steht ein Mann, als Frau verkleidet. "New York, Neeeew YOOOORK!!!" Er schmeißt die Arme weit um sich, malt bedeutungsvolle Gesten in die Luft. "I am, what i am" - Der überschminkte Mund bewegt sich im Vollplayback, die Arme schwenken durch die Luft, eine Perücke wird - am Ende des Liedes - dramatisch vom Kopf gerissen.
Ich habe ein Bier geordert. Eine Mark zwanzich. Vorsichtshalber lege ich das Geld auf den Tresen.
Einer der dicken Männer legt seinen Arm wie ein Schraubstock um meinen Hals und zieht mich in Richtung seines Mundgeruchs und lallt: “Komm mit mir, etwas Besseres wirst Du heute nicht finden”. Ich piepse “Nein”, tauche unter, einen halben Meter wieder auf, stürze mein Bier wie einen Korn herunter. murmele etwas wie “Tschüß” - und bin weg wie ein Pfund Mett in einem Hundezwinger. Alle 5 rennen mir hinterher. Der Wirt, die Draq Queen, die 3 Trucker. Ein 15jähriger ist vielleicht naiv – aber er kann sehr schnell sein.
Später, sehr viel später wurde mir erst klar, dass es noch den § 175 gab und sie einfach nur auf mich einreden wollten, dass ich auf keinen Fall zur Polizei gehe – bitte!!!
Das waren also die Schwulen - und ich gehörte von nun an dazu.
...wird fortgesetzt...
Doch nun zurück zu „meiner Veranstaltung“, zum Speakers Corner..
Derweil ich nun erkannte, wie sehr ich damals darum gekämpft hatte herauszufinden, was ich mit den dicken, zugesoffenen Männern am Tresen oder mit dem Feder-Boa-schwingenden Mann mit zu viel Make up im Gesicht, der immer dramatische oder obszöne Mund und Handbewegungen zu zuviel gehörten Liedern machen muss, gemeinsam hätte, derweil kämpften die jungen vortragenden Mädchen mit der Aussprache der eigenen Communitybezeichnung: LGBTTQTI*.
Kein Wunder, sehe ich doch im Gender-Wiki eine – unvollständige – Liste der Identitäten: Agender, Androgyn, Androgyfühlend oder Androgyfühlig, Bigender, Burrnesha, Cisgenderfluid, Demiboy, Demigirl, Demigender, Enby, Femme und Fem, Gemischtgeschlechtlich, Genderfluid, Genderqueer,Geschlechtslos, Geschlechtsneutral, Girlfag, Guydyke, Ilagender, Maverique und Neurogender (mein Liebling), Neutrois, Nibi, Nicht-Binär, Nonbinär, Nongender, Pangender und Spiegelgender, Trans*, Transfeminin, Transmaskulin und Xenogender.
Ich will darauf verzichten, auf jede Variante im Besonderen einzugehen, so viel sei gesagt: „Der Toilettenzug zum ICE 2018 hält aus technischen Gründen am Bahnsteig gegenüber und folgt heute in umgekehrter Reihenfolge. Reservierungen für Enby und Demiboys behalten ihre Gültigkeit, alle anderen tauschen von hinten nach vorne durch. Eine Mitmensch der DB wird Ihrs behilflich sein“.
Also, die vermutete junge Dame, die einen Text vortrug, brachte verständlicherweise das LGBTQI* nicht unfallfrei aus dem Mund, was leicht verzeihlich ist und der Veranstaltung keinen Makel anheftete und ich dachte mir, worauf kommt es denn eigentlich nun an?
Ist alles gut, wenn es für jede Identität überall eine eigene Toilette gibt?
Die ganze Veranstaltung erinnerte mich an die erste Veganerin während einer Jugendgruppenfahrt mit den Falken. Es gab Gulasch mit Nudeln, - nein, hätte es geben sollen. Wir wurden jedoch in einen Kreis zitiert und mussten das “Gulaschproblem” diskutieren. Nach einer langen Erläuterung über Gewalt und was Menschen der Natur und Tieren im speziellen antun erkannten wir, dass es nicht ausreicht, der Veganerin nun Nudeln mit Tomatensauce anzubieten und das Gulasch extra zu servieren, nein, es musste für die Veganerin mitgedacht werden, von allen und eine dritte Komponente her, denn es zeugt nicht von Achtung anderslebenden Menschen gegenüber, wenn man ihnen nun eine Essenskomponente einfach vorenthält. Also musste entweder Räuchertofu herbeigeschafft und zur Tomatensauce serviert werden oder alle anderen auf das Gulaschfleisch verzichten, was sich dann als einfachere Variante erwies. Das Fleisch wurde dann am nächsten Tag in Anwesenheit von Tofu (Räuchertofu gab es nicht) serviert.
Worum ging es bei der ganzen Diskussion?
Es ging um „gesehen werden“ und es ging auch um Macht. Hier hatte die Veganerin die Macht, eine ganze Gruppe zur Wahrnehmung ihrer Besonderheit zu zwingen. Warum kann man nicht dort auf Klo gehen, wo es raus kommt oder sich beim Pinkeln einfach hinsetzen?
Wie ist das nun heute? Es ist nichts Besonderes mehr, schwul oder lesbisch zu sein. Da gähnt selbst Oma müde. Ergo, so scheint mir, werden immer mehr Besonderheiten entdeckt, die uns individuell machen, von der Masse abheben, uns ein Elitedasein gewähren. Umso unaussprechlicher, desto elitärer und oft nur noch in Verbindung mit einem Studium verstehbar.
Ich bin nicht, was Ihr denkt oder gar seht. Ich fühle 192, wiege 82 Kilogramm, habe volle, gelockte blonde Haare und 28 Jahre. Meine geschlechtliche Identitäten sind irgendwo zwischen Cismann und Maverique, nur mein linkes Knie ist cisweiblich-vegan, aber es dauert noch einige Zeit, bis ich in der Lage sein werde, dazu zu stehen. Dass andere Menschen mich nicht so wahrnehmen, wie ich fühle, liegt daran, dass sie in altes, heteronormatives Rollendenken gepresst sind und erstmal befreit werden müssen, um mich sehen zu können, wie ich dann vermutlich wirklich bin.
Nur, scheint es eine Arbeiterbewegung ohne ArbeiterInnen*. Die Stoßrichtung des Kampfes ist nicht ganzheitlich, sie ist ausschließlich horizontal. Links, rechts, vorne hinten sind die Identitäten, die es für die Community aufzuklären gilt, so wird auch die Community bei Speakers Corner wahrgenommen. Vertikal ist Starre.
Kinder und Alte kommen nicht vor. Horizontal sind Migranten und Behinderte zwar offiziell erwünscht, anders wäre es politisch auch nicht korrekt, aber real kommen sie genauso wenig vor, wie Kinder und Alte. Kinder und Alte kommen auch in der gefühlten Welt der GernderkämpferInnen* nicht vor.
Im Zuge der fortschreitenden vorauseilenden moralischen Gehorsamkeit hatte es die Schwulen- und Lesbenbewegung nicht eilig genug, sich heimlich und möglichst geräuscharm von der ehemaligen Solidarisierung mit den Pädos loszuschleichen. Ich höre noch heute die Steine von den Herzen fallen, dass es in den 70er- 80er Jahren kein Internet gegeben hatte. So sind die Dokumente der ehemaligen peinlichen politischen Solidaritäten leicht zerrissen und für immer in den Erinnerungen versenkt. Die Bedeutung der Indianer-Kommunen Nürnberg und Heidelberg als Avantgarde der Bewegung wurde verwischt, vertuscht und heute sind die Pädos ein Fall für die Justiz und Medizin, die queere Community ist nie dabei gewesen, nie.
Eine Erinnerung habe ich aber noch auf dem Dachboden: Ein Plakat zum Solidaritätskonzert für den Päderasten Peter Schult. „Schult & Sühne“ steht auf dem Plakat, ein Jüngling mit halberigiertem Glied ist darauf zu sehen und es war eine der erfolgreichsten Veranstaltungen der Bremer Stadtschmusetanten in der Halle vom Schlachthof. 700 BesucherInnen* waren da und spendeten Geld für den Prozess von Peter Schult, der, schwer an Lungenkrebs erkrankt, im Gefängnis saß.
Für ihn setzten sich damals Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta, Fritz Teufel, Klaus Croissant, Hans-Christian Ströbele, Peggy Parnass, Helmut Gollwitzer und Peter Paul Zahl ein (für die jungen MenschInnen, es waren alles sehr prominente Protagonisten der linken, links-liberalen und kulturellen Szene, der Grünen, SPD und FDP. Peter Paul Zahl war z.B. einmal recht bedeutender Schriftsteller, der lange inhaftiert war).
Derweil also die peinlichen Erinnerungen an die Einheit der Community mit den Pädos möglichst geräuscharm verwischt wurden, sind die Alten ebenso unauffällig davon diffundiert, aus der Wahrnehmung verschwunden. Die gehören nicht mehr dazu.
Frage ich meine alten Weggefährten, was denn aus ihrer Sicht geschehen ist, höre ich in etwas dieses: „Ich weiß nicht mehr, wo ich hingehen soll“. In einer Disco (heute heißt es wohl Partylocation) fungiert man als ein geradezu lächerliches Relikt und alle warten darauf zu sehen, wie komisch man tanzt *alsolässtmannesbesser* , in einer Bar hat man vielleicht noch eine Daseinsberechtigung als Eckenhocker oder Sugardaddy.
Mann hat sich eine längere Zeit verabschiedet, es war ein schmerzlicher Prozess und viele versuchen nun, durch Drogenkonsum im fortgeschrittenen Alter, Jugendjahre zurückzuholen. Irgendwann realisiert man aber halt, dass sich nicht nur keine Blicke mehr heben, wenn man den Raum betritt, nein, - viel schlimmer – die Blicke wenden sich ab in der Hoffnung, von dem alten Schwabbel bloß nicht angesprochen zu werden. Blickt man jemanden an, versucht gar einen kleinen Flirt, so ist genervtes Augenrollen die Standardantwort.
So dauert es nicht allzu lange, dass man irgendwann resigniert, nicht mehr ausgeht und sich auf den Datingplattformen ein 10 Jahre jüngeres Profil zulegt.
Die meisten alten denken sich wohl: Ich habe meinen Beitrag geleistet. Nun gehe ich mit, den mir verbliebenen, Freunden Essen und zwar dergestalt, dass ich auf die Speisekarte danach schaue, was ich essen möchte und nicht, was es kostet.
PS: Epilog
Die zuvor noch so frenetisch beklatschten dicken Mädchen (16 – 19) mit der lila Strähne, die von ihrem „anderssein“ kündet und die sich „so krass mutig“ zu ihrem „anderssein“ bekannten, sitzen nach der Veranstaltung getrennt, irgendwo, ganz alleine. Schwule Schönlinge haben 3-5 dicke oder mondäne Mädchen/Frauen im Gefolge, die genderfluiden-nonbinären dicken Einhörner schleichen sich mit gesenkten Blicken wieder von dannen und verschwinden – wie ich – in der Unsichtbarkeit.